Freitag, 24. Mai 2013




O großer Geist, dessen Stimme ich in den Winden vernehme
und dessen Atem der ganzen Welt Leben spendet, höre mich.


Ich trete vor dich hin als eines deiner vielen Kinder.
Ich bin klein und schwach. Ich bedarf deiner Kraft und Weisheit.

Laß mich in Schönheit wandeln
und meine Augen immer den roten purpurnen Sonnenuntergang schauen.
Laß meine Hände die Dinge verehren, die du gemacht hast,
und meine Ohren deine Stimme hören.

Schenke mir Weisheit, daß ich die Lehre,
die du in jedem Blatt und jedem Felsen verborgen hast,
erkennen möge.



Gebet der Sioux, nach Jörg Zink

Donnerstag, 23. Mai 2013




Trugbilder

Was ist die Ursache des Bösen?"

„Unwissenheit", sagte der Meister.

„Und wie wird sie beseitigt?"

„Nicht durch Anstrengung, sondern durch Licht;
durch Verstehen, nicht durch Handeln."

Und nach einer Weile fügte der Meister hinzu:
„Das Zeichen des Erleuchtetseins ist Friede -
du hörst auf zu fliehen,
sobald du erkennst, dass du nur von den Trugbildern verfolgt wirst,
die deine Ängste erfunden haben."
 
Anthony de Mello

Mittwoch, 22. Mai 2013





Nur für heute
werde ich ein genaues Programm aufstellen.
Vielleicht halte ich mich
nicht genau daran,
aber ich werde es aufsetzen -
und ich werde mich
vor zwei Übeln hüten:
der Hetze und der Unentschlossenheit.

Johannes XXIII

Dienstag, 21. Mai 2013



Das sichere Fundament

"Ich sehne mich nach einem festen Grund, einem sicheren Fundament für mein Leben."

„Sieh es doch so an", sagte der Meister. „Was ist der feste Grund für den Zugvogel, der Kontinente überquert? Was ist das sichere Fundament für den Fisch, der vom Fluss in das Meer getragen wird?"

Anthony de Mello

Samstag, 18. Mai 2013





Der erste,
der uns jenseits der chinesischen Mauer begegnete,
war ein kleines Männlein aus braunem Sandstein.

Mit verflochtenen Beinen hockte es da,
lächelte mit beinah geschlossenen Lidern,
und obschon ich nicht allzu genau weiß,
worin ein Heiliger besteht,
sagte ich sofort zu Bin:

„Sieh da! Ein Heiliger."

Bin nickte.

Er nahm es platterdings an,
man wüßte, was ein Heiliger ist,
und nickte, wie wenn man sagen würde:
Sieh da, ein Regenbogen!

„Wenn sie so dasitzen", fragte ich Bin,
„was machen sie eigentlich?"
(Oh, diese westliche Frage!)

Bin sagte:

„Sie sitzen so da -
zum Beispiel,
wenn die Sonne untergeht
über den violetten Hügeln der Wüste
,
und schauen die Sonne, nichts weiter.

Sie schauen.
Sie denken nichts anderes als eben die Sonne,
so sehr, so innig, so ganz und gar,
daß sie die Sonne noch immer und immer sehen,
wenn jene, die wir die wirkliche nennen,
lange schon untergegangen ist.

Sie sitzen so da:
sie können sie jederzeit wieder aufgehen lassen."


Max Frisch

Freitag, 17. Mai 2013





Nur für heute
werde ich keine Angst haben.
Ganz besonders
werde ich keine Angst haben,
mich an allem zu freuen,
was schön ist -
und ich werde an die Güte glauben.

Johannes XXIII

Mittwoch, 15. Mai 2013





Die letzten Paradiese
werden angepriesen und angeflogen.
In Nordsibirien Wasser, das noch nicht gechlort ist,
auf Bali eine Palme, die nicht im Kübel steht,
im Ruhrgebiet verkauft man Stille und Luft,
nicht in Höchst hergestellt,
bei Assisi gibt's eine kleine Kapelle,
im Main soll man bei Hanau einen Fisch gesehen haben,
die Leute werden immer anspruchsvoller,
jetzt wollen sie sogar Brot essen.

Lothar Zenetti