Freitag, 15. Dezember 2017



Heute ist der vierzehnte Juli (03)

Um gut tanzen zu können - mit dir oder auch sonst,
Braucht man nicht zu wissen, wohin der Tanz führt.
Man muss ihm nur folgen,
Darauf gestimmt sein,
Schwerelos sein,
Und vor allem: man darf sich nicht versteifen.
Man soll dir keine Erklärungen abverlangen,
Über die Schritte, die du zu tun beliebst,
Sondern ganz mit dir eins sein -
und lebendig pulsierend Einschwingen
in den Takt des Orchesters, den du auf uns überträgst.

Man darf nicht um jeden Preis vorwärtskommen wollen.
Manchmal muss man sich drehen oder seitwärts gehen.
Und man muss auch innehalten können
Oder gleiten, anstatt zu marschieren.
Und das alles wären ganz sinnlose Schritte,
Wenn die Musik nicht eine Harmonie daraus machte.

Wir aber, wir vergessen so oft die Musik deines Geistes.

 Madeleine Delbrél

Donnerstag, 14. Dezember 2017



Heute ist der vierzehnte Juli (02)


Denn ich glaube, du hast von den Leuten genug,
Die ständig davon reden, dir zu dienen -
mit der Miene von Feldwebeln,
Dich zu kennen - mit dem Gehabe von Professoren,
Zu dir zu gelangen nach den Regeln des Sports,
Und dich zu lieben, wie man sich nach langen Ehejahren liebt.

Eines Tages, als du ein wenig Lust auf etwas anderes hattest, 
Hast du den heiligen Franz erfunden
Und aus ihm deinen Gaukler gemacht.
An uns ist es, uns von dir erfinden zu lassen,
Um fröhliche Leute zu sein, die ihr Leben mit dir tanzen.





Madeleine Delbrel

Mittwoch, 13. Dezember 2017

 

Heute ist der vierzehnte Juli (01)

Alle gehen zum Tanz. Überall, seit Monaten, Jahren, tanzt die Welt.
Je mehr man in ihr stirbt, desto mehr tanzt man.
Wogen des Krieges, wogender Ballsaal.
Das Ganze macht wirklich viel Lärm. Die ernsthaften Leute sind schlafen gegangen.
Die Mönche beten die Matutin vom heiligen König Heinrich.

Ich aber denke
An den anderen König,
An König David, der vor der Bundeslade tanzte.

Denn wenn es auch viele heiligmäßige Leute gibt,
die nicht gern getanzt haben,
So gibt es doch auch Heilige, denen der Tanz ein Bedürfnis war,
So glücklich waren sie zu leben:
Die heilige Teresa mit ihren Kastagnetten,
Johannes vom Kreuz mit dem Jesuskind auf dem Arm,
Und Franziskus vor dem Papst.
Wenn wir wirklich Freude an dir hätten, o Herr,
Könnten wir dem Bedürfnis zu tanzen nicht widerstehen,
Das sich über die Welt hin ausbreitet,
Und wir könnten sogar erraten,
Welchen Tanz du getanzt haben willst,
Indem wir uns den Schritten deiner Vorsehung überließen.

Madeleine Delbrel


Dienstag, 12. Dezember 2017



Spuren

Manchmal warst du einsam,
dann ging irgendeiner ein Stück Deines Weges mit dir gemeinsam

und ließ eine Spur zurück.
Einer schenkte dir ein Lachen;
ein anderer scherzte mit dir;
ein anderer sagte: "Danke" -
und du fragtest staunend: "Wofür?"

Einer zeigte dir, wo in den Dingen des Alltags die Freude liegt.
Einer hat dich in schmerzlichen Ringen durch die Wahrheit besiegt.
Und einen hast du in Stunden drückender Sorge und Schuld,
fast schon verzweifelnd gefunden - der hörte dich in Geduld.

Und du begannst zu hoffen.

Heute fragst du dich nur:
Trafst du in allen Gefährten nicht deines Gottes Spur?

 
 
Gertrud Vechta

Montag, 11. Dezember 2017



                               Es gibt immer etwas,
                               was für den Menschen besser und
                               etwas, was für sie angenehmer ist.
                               Beide führen zu etwas Verschiedenem und
                               sind die Bindungen der Menschen.
                               Wer das Bessere wählt erlangt sein Heil.
                               Wer sich für das Angenehmere entscheidet, 
                               der verfehlt den Sinn des Lebens.
                               Der Mensch hat stets die Wahl
                               zwischen dem Angenehmeren und dem Besseren.
                               Wenn er weise ist,
                               trifft er die rechte Entscheidung und
                               zieht das Bessere dem Angenehmeren vor.
                               Ist er töricht,
                               dann entscheidet er sich
                               für das Angenehmere, 
                               für Reichtum und Sicherheit.

                               Katha Upanishade

Sonntag, 10. Dezember 2017



Ein Mann hatte sich in der Wüste verlaufen. 
Später, als er seinen Freunden berichtete, was er durchgemacht hatte, 
erzählte er auch, dass er verzweifelt niedergekniet sei 
und Gott um Hilfe angefleht habe.

„Antwortete Gott auf dein Gebet?" wurde er gefragt.

„Oh, nein! Ehe er das tun konnte, tauchte ein Forschungsreisender auf, und zeigte mir den Weg." 


Anthony de Mello

Samstag, 9. Dezember 2017

 

Es ist wahr: Man kann heute nicht mehr beten »Wie« früher,

es sei denn, man wäre in einem Kloster
oder in einer bestimmten außergewöhnlichen Lebenslage.

Doch folgt daraus keineswegs, dass man nicht mehr beten soll,
nur anders wird man beten müssen,
und dieses anders gilt es zu entdecken.

Madeleine Delbrél