Sonntag, 22. August 2021

Der Ball des Gehorsams (3) - Madeleine Debrél



 Der Ball des Gehorsams (3)


‚Wir haben auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt’


Wir aber, wir vergessen so oft die Musik deines Geistes,
Wir haben aus unserem Leben eine Turnübung gemacht;
Wir vergessen, dass es in deinen Armen getanzt sein will;
Dass Dein Heiliger Wille von unerschöpflicher Phantasie ist.
Und dass es monoton und langweilig
Nur für grämliche Seelen zugeht,
Die als Mauerblümchensitzen am Rand
Des fröhlichen Balls deiner Liebe.

Herr, komm und lade uns ein.
Wir sind bereit, dir diese Besorgung vorzutanzen,
Dieses Haushaltungsbuch, dieses Essen,
das bereitet werden muss, diese Nachtwache,
Bei der wir schläfrig sein werden.
Wir sind bereit, dir diesen Tanz der Arbeit zu tanzen,
Den der Hitze und dann wieder den der Kälte.
Wenn gewisse Melodien in Moll stehen,
werden wir nicht behaupten, Sie seinen traurig;
Wenn andere uns etwas außer Atem bringen,
sagen wir nicht,
Sie stießen uns die Lunge aus dem Leib.
Und wenn die Leute uns anrempeln,
Nehmen wir es lachend hin,
Weil wir wissen, dass sowas beim Tanz immer vorkommt.



Madeleine Debrél


Samstag, 21. August 2021

Der Ball des Gehorsams (2) - Madeleine Debrél





 

Der Ball des Gehorsams (2)

‚Wir haben auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt’

Denn ich glaube, du hast von den Leuten genug,

die ständig davon reden, dir zu dienen
mit der Miene von Feldwebeln,
Dich zu kennen mit dem Gehabe von Professoren,
Zu dir zu gelangen nach den Regeln des Sports
Und dich zu lieben,
wie man sich nach langen Ehejahren liebt.

Eines Tages,
als du ein wenig Lust auf etwas Anderes hattest,
hast du den heiligen Franz erfunden
und aus ihm Deinen Gaukler gemacht.
An uns ist’s, uns von dir erfinden zu lassen,
um fröhliche Leute zu sein,
die ihr Leben mit dir tanzen.

Um gut tanzen zu können, mit dir oder auch sonst
Braucht man nicht zu wissen, wohin der Tanz führt.
Man muss ihm nur folgen,
darauf gestimmt sein, schwerelos sein,
Und vor allem: Man darf sich nicht versteifen.

Man soll dir keine Erklärungen abverlangen
Über die Schritte, die du zu tun beliebst,
Sondern ganz mit dir eins sein – und lebendig pulsierend
Einschwingen auf den Takt des Orchesters
den du auf uns überträgst.
Man darf nicht um jeden Preis vorwärtskommen wollen,
manchmal muss man sich drehen oder seitwärts gehen.
Und man muss auch innehalten können
oder gleiten, anstatt zu marschieren.
Und all das wären ganz sinnlose Schritte,
Wenn die Musik nicht eine Harmonie daraus machte.

  

Madeleine Debrél


Freitag, 20. August 2021

Der Ball des Gehorsams (1) - Madeleine Debrél

 



Der Ball des Gehorsams (1)

‚Wir haben auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt’

Heute ist 14. Juli.
Jedermann geht zum Tanz.
Allerorten, seit Monaten, Jahren, tanzt die Welt.
Je mehr man drin stirbt, umso mehr tanzt man.
Wogen des Krieges, wogender Ballsaal.

Das Ganze macht wirklich viel Lärm.
Die ernsthaften Leute haben sich schlafen gelegt.
Die Mönche singen die Matutin
Vom heiligen König Heinrich.
Ich aber denke an den anderen König,
den König David, der vor der Bundeslade tanzte.

Denn wenn es auch viele heiligmässige Leute gibt,
die nicht gern getanzt haben,
So gibt es doch auch Heilige,
denen der Tanz ein Bedürfnis war,
So glücklich waren sie zu leben:
Die heilige Teresa mit ihren Kastagnetten,
Johannes vom Kreuz mit dem Jesuskind auf dem Arm,
Und Franziskus vor dem Papst.
Wenn wir wirklich Freude an dir hätten, o Herr,
Könnten wir dem Bedürfnis, zu tanzen, nicht widerstehen
Das sich über die Welt hin ausbreitet.
Und wir könnten sogar erraten,
Welchen Tanz du getanzt haben willst,
indem wir uns den Schritten deiner Vorsehung überliessen.

Madeleine Debrél


Donnerstag, 19. August 2021

DER RADWECHSEL - Bertholt Brecht

 



                                          DER RADWECHSEL

                              Ich sitze am Straßenrand

                              Der Fahrer wechselt das Rad.
                              Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
                              Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
                              Warum sehe ich den Radwechsel
                              Mit Ungeduld?


                       BERTOLT BRECHT


Mittwoch, 18. August 2021

Franz von Sales Kummer - Freude

 



                Macht uns ein Kummer zu schaffen,

            komme er nun von außen oder von innen,

            so gilt es,

            ihn gelassen anzunehmen.

            Erreicht uns

            aber die Freude,

            so wollen wir auch sie ebenso

            gelassen annehmen.


            Franz von Sales





Dienstag, 17. August 2021

Ein Wüstenvater

 



„Abba Pior“, so sprach Abba Poimen,
„machte an jedem einzelnen Tag
einen ganz neuen Anfang.“

 

EIN WÜSTENVATER


Montag, 16. August 2021

Erst muß die Nacht ihre Mitte - Kyrilla Spiecker

 



            Erst muß
            die Nacht
            ihre Mitte erreicht haben,
            ehe sie
            den neuen Tag weckt.
            Erst muß
            die Talsohle erreicht sein,
            ehe
            der Aufstieg beginnt.
            Erst muß
            der Auftrag des Vaters erfüllt sein,
            ehe
            der Erniedrigte
            zur Rechten des Vater erhöht wird,
            ehe
            ihm alle Macht
            im Himmel wie auf Erden zuteil wird.


            Kyrilla Spiecker