Montag, 6. Juli 2015




O Herr! Möchtest Du eines Tages,
wenn Du unsere Schöpfung in die Scheuer einbringst,
jenes große Tor für die geschwätzige Rasse der Menschen öffnen;
möchtest Du ihnen im ewigen Stall ihren Platz weisen,
wenn die Zeiten vollendet sind,
und unseren Fragen ihren Sinn nehmen,
wie man die Krankheit heilt.
Denn es ist mir vergönnt zu begreifen,
daß aller Fortschritt des Menschen in der Entdeckung besteht,
wie seinen Fragen, einer nach der anderen,
kein Sinn innewohnt;
habe ich doch meine Weisen befragt,
und sie haben nicht etwa einige Antworten
auf die Fragen des letzten Jahres gefunden -
nein, Herr, sie lächeln heute übersieh selber,
denn die Wahrheit kam ihnen als Auslöschen einer Frage.
Der ist töricht, der von Gott eine Antwort erwartet.
Wenn Er dich aufnimmt, wenn Er dich heilt,
so geschieht es, weil Er mit Seiner Hand
deine Fragen gleich dem Fieber von dir nimmt.
So ist es.
Herr, wenn Du Deine Schöpfung
eines Tages in die Scheuer einbringst,
so öffne das doppelte Scheunentor und laß uns dort eintreten,
wo nicht mehr geantwortet wird,
denn dort gibt es keine Antwort mehr, aber die Seligkeit,
die der Schlußstein der Fragen ist,
und die Schau, die befriedigt.



Antone de Saint-Exupéry

Sonntag, 5. Juli 2015





MENSCHLICHER FORTSCHRITT

Der Meister begrüßte die technologischen Fortschritte, war sich aber durchaus ihrer Grenzen bewusst.

Als ihn ein Industrieller fragte, was er arbeite, antwortete er: „Ich bin in der Menschen-Industrie tätig." 

„Und was bitte ist das?" fragte der Industrielle. 
„Nehmt Euch selbst", sagte der Meister. „Ihr bemüht Euch um die Herstellung besserer Dinge, ich bemühe mich, bessere Menschen hervorzubringen."

Zu seinen Schülern sagte er später: „Ziel des Lebens ist es, Menschen zum Erblühen zu bringen. Heute scheint man mehr damit beschäftigt, Sachen zu perfektionieren."


Anthony de Mello

Samstag, 4. Juli 2015





Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
die aus laugewordenen Tagen 
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen, 

die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.
Da geht der Sturm, ein Umgestalter, 
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter, 
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.

Wie ist das klein, womit wir ringen, 

was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen, 

uns so vom großen Sturm bezwingen -
wir würden weit und namenlos.
Was wir besiegen, ist das Kleine, 
und der Erfolg selbst macht uns klein.

Das Ewige und Ungemeine will nicht von uns gebogen sein.


Das ist der Engel, 

der den Ringern des Alten Testaments erschien:
wenn seiner Widersacher Sehnen im Kampfe sich metallen dehnen,
fühlt er sie unter seinen Fingern wie Saiten tiefer Melodien.


Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet, 
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand, 

die sich wie formend an ihn schmiegte.

Die Siege laden ihn nicht ein. 

Sein Wachstum ist:
der Tiefbesiegte von immer Größerem zu sein.


Rainer Maria Rilke

Freitag, 3. Juli 2015



Henne und Adler

Ein Mann fand ein Adlerei und legte es in das Nest einer gewöhnlichen Henne. 
Der kleine Adler schlüpfte mit den Küken aus und wuchs zusammen mit ihnen auf.

Sein ganzes Leben lang benahm sich der Adler wie die Küken, 
weil er dachte, er sei ein Küken aus dem Hinterhof. 
Er kratzte in der Erde nach Würmern und Insekten. 
Er gluckte und gackerte. Und ab und zu hob er seine Flügel und flog ein Stück, genau wie die Küken. Schließlich hat ein Küken so zu fliegen, stimmt's?

Jahre vergingen, und der Adler wurde sehr alt. Eines Tages sah er einen herrlichen Vogel hoch über sich im wolkenlosen Himmel. Anmutig und hoheitsvoll schwebte er durch die heftigen Windströmungen, fast ohne mit seinen kräftigen goldenen Flügeln zu schlagen. 

Der alte Adler blickte ehrfürchtig empor. 
„Wer ist das?" fragte er seinen Nachbarn.
„Das ist der Adler, der König der Vögel", sagte der Nachbar. 
„Aber reg dich nicht auf. Du und ich sind von anderer Art."

Also dachte der Adler nicht weiter an diesen Vogel. 
Er starb in dem Glauben, ein Küken im Hinterhof zu sein.


Donnerstag, 2. Juli 2015


                                     

                                     Unsere Energie fließt aus dem Geheimnis,
                                     das in allem mitschwingt.


                                     Ulrich Schaffer

Mittwoch, 1. Juli 2015






„Entschuldigung", sagte ein Fisch aus dem Ozean zu einem anderen.
„Du bist älter und erfahrener als ich und kannst mir wahrscheinlich helfen. 

Sag mir, wo kann ich die Sache finden, die man Ozean nennt? 
Ich habe vergeblich überall danach gesucht."
„Der Ozean", sagte der ältere Fisch, „ist das, worin du jetzt schwimmst."
„Das? Aber das ist ja nur Wasser. Ich suche den Ozean", sagte der jüngere Fisch sehr enttäuscht und schwamm davon, um anderswo zu suchen.

Dienstag, 30. Juni 2015




                       Wer im Zustand einer Emotion
                       entscheiden zu kännen glaubt,

irrt.
                       Er wird entschieden.

                          Peter Horton