Sonntag, 8. August 2021

Joachim Ringelnatz - Meine frühe Kindheit




Meine frühe Kindheit

Hat auf sonniger Straße getollt.

Hat nur ein Steinchen,

Ein Blatt zum Glücklichsein gewollt.

Jahre verwelkten.

Ich suche matt

Jene sonnige Straße heut

Wieder zu lernen

Wie man am Blatt

Wie man am Steinchen

Sich freut

 

Joachim Ringelnatz 

Wer bist du, Licht - Edith Stein

 



             Wer bist du, Licht,
             das mich erfüllt
             und meines Herzens Dunkelheit
             erleuchtet?
             Du leitest mich
             gleich einer Mutter Hand,
             und ließest du mich los,
             so wüßte keinen Schritt
             ich mehr zu gehen.
             Du bist der Raum,
             der rund mein Sein
             umschließt und
             in sich birgt.
             Aus dir entlassen,
             sänk es in den Abgrund
             des Nichts,
             aus dem du es
             zum Sein erhobst.
             Du, näher mir
             als ich mir selbst
             und innerlicher
             als mein Innerstes -
             und doch ungreifbar

             und unfassbar
             und jeden Namen sprengend:
             Heiliger Geist - Ewige Liebe.

             Edith Stein




Samstag, 7. August 2021

Der Mist - JOHANNES TAULER

 


DER MIST

 

Das Pferd macht im Stall den Mist,
und wiewohl der Mist Unflat und Gestank an sich hat,
zieht dasselbe Pferd denselben Mist
mit großer Anstrengung auf das Feld,
und daraus wächst edler, schöner Weizen
und der edle, süße Wein,
der niemals so wachsen würde, wäre der Mist nıcht da. -
Ebenso trag deinen Mist - das sind deine eigenen Schwächen,
mit denen du nicht fertig werden,
die du nicht ablegen und überwinden kannst -
mit Anstrengung und Fleiß auf den Acker des liebevollen Gottes
und breite den Mist auf das edle Feld:
ohne Zweifel wächst daraus in demütiger Gelassenheit
edle, wonnigliche Frucht.

 JOHANNES TAULER


Freitag, 6. August 2021

Die besten Dinge - Anthony de Mello

 



DIE BESTEN DINGE

Die besten Dinge des Lebens sind uns geschenkt: 
Sehvermögen, Gesundheit, Liebe, Freiheit und das Leben selbst. 
Schade nur, dass wir uns an ihnen nicht recht erfreuen. 

Wir sind zu sehr von dem Gedanken belastet, 
dass wir nicht genug von sehr nebensächlichen Dingen besitzen: 
wie Geld, gute Kleider und Ruhm.

Als ich einmal zurück in meine Heimat flog, hatte das Flugzeug Verspätung, 
und ich war verärgert. 
Als es dann den Flughafen erreicht hatte, kreiste es fast eine halbe Stunde wegen „technischer Schwierigkeiten", wie es diskret hieß, über dem Flughafen, was uns noch mehr verspätete. 
Die halbe Stunde war voller Spannung und Sorgen. 
Schließlich landeten wir erleichtert. 
Verflogen war mein Ärger über die Verspätung. 
Alle waren sehr froh, sicher auf der Erde zu sein. 
Die Verspätung war nun eine dumme Kleinigkeit. 

Doch erst die Möglichkeit eines schweren Unfalls führte uns das vor Augen.

Ich las einmal von einem Mann, den die Nationalsozialisten gefangen hielten: der schrieb in einem Brief an seine Familie über seine große Freude, 
dass er von einer fensterlosen Zelle in eine andere verlegt worden war, die hoch oben ein Luftloch hatte, durch das er ein Stück blauen Himmel bei Tag und nachts ein paar Sterne erkennen konnte. 

Das betrachtete er als ein großes Glück.

Nachdem ich diesen Brief gelesen hatte, 
schaute ich aus meinem Fenster auf die ganze Weite des Himmels. 
Ich war tausendmal reicher als dieser Gefangene, 
und doch gab mir mein Reichtum nicht einmal einen Bruchteil der Freude, 
die jener von seinem Luftloch empfing. 




Anthony de Mello



Donnerstag, 5. August 2021

DER TRAUM VON DEN DREI ENGELN - CHRISTINE BUSTA

 



DER TRAUM VON DEN DREI ENGELN

 

Der letzte Engel war der schönste:
Olivenlaub schien sein Gewand,
und sein Gesicht glich einem Falter,
auf dem der Trauer ewiges Alter
als große, schwarze Flamme stand.

Den ersten Engel wollte ich nicht lassen,
den zweiten wagte ich nicht anzufassen,
da nahm der dritte sanft mich bei der Hand.

Seither kann ich die andern nicht beschreiben.
Ich frag auch nicht: »Wird dieser letzte bleiben?«
Ich gehe nur und weiß: ich bin erkannt.

 

CHRISTINE BUSTA


Mittwoch, 4. August 2021

Stille





Die Stille 
Ist ein Element, 
Worin sich große Dinge 
Selbst 
Verwirklichen. 

Thomas Carlyle

Gebet der Sioux

 




O großer Geist, dessen Stimme ich in den Winden vernehme und dessen Atem der ganzen Welt Leben spendet, höre mich.
Ich trete vor dich hin als eines deiner vielen Kinder.
Ich bin klein und schwach. Ich bedarf deiner Kraft und Weisheit.
Laß mich in Schönheit wandeln und meine Augen immer den roten und purpurnen Sonnenuntergang schauen.
Laß meine Hände die Dinge verehren, die du gemacht hast, und meine Ohren deine Stimme hören.

Schenke mir Weisheit, daß ich die Dinge, die du mein Volk gelehrt hast, und die Lehre, die du in jedem Blatt und jedem Felsen verborgen hast, erkennen möge.


GEBET DER SIOUX